Probleme mit dem «Mai-Kuckuck»

Dialog
Leonhard Kossuth im Gespräch mit Mussa Muratalijew, Autor unserer morgigen Sonntagsgeschichte

Probleme mit dem »Mai-kuckuck«

MUSSA MURATALIJEW wurde 1942 in At-Baschi, einer Siedlung in Kirgisien, geboren. Nach dem Besuch des Literaturinstituts in Moskau 1970 wurde er Mitarbeiter der Zeitung »Sowjetskaja Kirgisija«, dann Korrespondent der Nachrichtenagentur »Nowosti« und Konsultant des Schrift-stellerverbandes der UdSSR für kirgisische Literatur. Seit 1993 freischaffender Schriftsteller. Muratalijew schreibt kirgisisch und russisch.
Veröffentlichungen: neben Sammelbänden mit Geschichten die Romane »Der Mai-Kuckuck«, »Gelber Schnee« und »Das Leben Mussakuns«, die auch russisch erschienen sind. Übersetzungen ins Deutsche waren in der »Novitätenkassette 2«, Berlin 1985, und in der Zeitschrift »Sowjetliteratur« zu finden. Außerdem wurden Werke des Autors auf Englisch, Französisch, Spanisch, Urdu, Farsi, Lettisch, Estnisch und in weiteren Sprachen der UdSSR publiziert.
Mussa Muratalijew lebt in Moskau. Foto: Kotschnew

• Die Erzählung, die morgen an dieser Stelle erscheinen wird, handelt von einem kirgisischen Jungen, der vom Dorf in die Republikhauptstadt Frunse (heute Bischkek) gebracht wird, um dort die Schule zu besuchen, und neben vielem anderen Unbekannten dem Umstand begegnet, daß hier die russische Sprache vorherrscht; dieser Stoff hat wohl einen autobiografischen Hintergrund?

Die innere Welt von Asamat entspricht den Gefühlen eines jeden von uns, wenn wir plötzlich in eine uns unbekannte Situation geraten. Die Angst hat große Augen, sie läßt sich aber überwinden, wenn ein Mensch das will. Denn im Prozeß der Wissensaneignung werden Neugier und Angst zu unseren Begleitern vor dem Unbekannten. Was mich betrifft, so bin ich im zweiten Jahr des Großen Vaterländischen Krieges geboren. Ich denke, damit ist alles über mich gesagt. Dennoch -wenn ich gefragt werde, wer ich bin, kommen mir jedes Mal die Jahrhunderte meines Stammbaums, die Geschichte meines Volkes in den Sinn.

• Als Legende konnte das der deutsche Leser schon in einer Nacherzählung des kirgisischen Nationalepos »Manas« lesen; aber warum betonen Sie diesen Umstand?

Wir Kirgisen sind stolz auf unsere Vergangenheit. Der angesehene Asienforscher Bertold schreibt, unter den turksprachigen Völkern seien die Kirgisen die ältesten. Erste Zeugnisse über die Jenis-sej-Kirgisen, die zu unseren Vorfahren zählen könnten, stammen aus dem 2. Jahrhundert v. u. Z. Als Volk formierten sich die Kirgisen Ende des 15. Jahrhunderts. Damals vereinten sich alle Stämme zu einem gemeinsamen System der Lebensführung. Seither bezeichnen sich bereits vierzig Generationen als »Kyrgys«.

• Etymologisch wird dieser Name auf Worte für Wüste oder Feld und Nomadisieren zurückgeführt…

Legenden liefern dazu noch mehr Interpretationen, zum Beispiel »Vierzig Jungfrauen«. — Wer weiß, wie sich das Schicksal meines Volkes gestaltet hätte, wäre nicht die Annexion durch das Russische Imperium gewesen, an dessen Stelle dann die Sowjetmacht trat.

• Aber die kirgisische Schriftsprache wurde — nachdem zuvor manches arabisch aufgezeichnet wurde — erst nach der Revolution geschaffen.

Nach meiner Überzeugung hat die Sowjetmacht bei den Völkern, die ihrem Imperium angehörten, dennoch den Nationalstolz und die nationale Würde unterdrückt. Ideologen wie Shdanow und Suslow haben Kunst und Kultur unter ihrer Kontrolle gehalten. Unter Breshnew wurden sogar international so geachtete kirgisische Schriftsteller wie Aitmatow, Sydykbekow, Kasymbekow, Saktanow verdächtigt
.
• Auch Sie wurden des Nationalismus beschuldigt, warum?

Als 1985 in Kasachstan ein Russe zum Ersten Sekretär der Partei bestimmt wurde, obwohl bis dahin wenigstens der Erste Sekretär der Partei der jeweils namensgebenden Nation angehörte, auch wenn er obligatorisch einen russischen Stellvertreter hatte, kam es dort zu Unruhen. Man nannte das dann beschönigend die »Ereignisse in Alma-Ata« (1985). Prompt wurde eine neue »Wolfsjagd« gegen aufsässige Intellektuelle er-öffnet. Damals war kirgisisch mein Roman »Der Mai-Kuckuck« erschtenen.

• Und für dieses Werk wurden Sie in einem Beschluß des ZK der KPdSU verurteilt?

Ja, jetzt wurde ich in die Mangel genommen. Die Zeitschrift »Völkerfreundschaft« schickte mir den Roman zwecks »Überarbeitung« zurück, der Verlag »Der Sowjetschriftsteller« kündigte mir den zwei Jahre zuvor geschlossen Vertrag. Kurz, eine Prozedur setzte ein, wie sie in solchen Fällen üblich war. Die einzige Zeitschrift, die mich nicht zurückstieß, war die »Sowjetliteratur« unter ihrem
Chefredakteur Dangulow. Mutig vertei digten mich auch Kollegen wie Aitmatow Gamsatow, Eralijew.

• Was an Ihrem Buch hatte denn der, Zorn der Zensur hervorgerufen?

Ich hatte, vereinfacht gesagt, einer Stoff aus der Vergangenheit Zentralasiens aufgegriffen, der in der sowjetischen Geschichtsschreibung verfälscht dargestellt wurde — den Aufstand der Tur-kestaner 1916. Sie erhoben sich gegen einen Ukas des Zaren, der die nichtrussische Bevölkerung — das waren die Kirgisen, Kasachen, Usbeken, Turkmenen und einige sibirische Völkerschaften -verpflichtete, den Krieg gegen das kaiserliche Deutschland durch kriegswichtige Arbeit im Hinterland zu unterstützen. Das russische Imperium hatte diese Völker in einem 25jährigen Krieg unterworfen. Ihr jetziger Widerstand wurde blutig unterdrückt.   Von   den   damals   über
60 000 Kirgisen starben, zwei Drittel.

• Über jenen Aufstand hat 1928 der Kasache Muchtar Auesow die Erzählung »Aufstand der Sanftmütigen« geschrieben, russisch erschien sie erst nach 44 Jahren! Aber kehren wir zu Ihrem Roman zurück.

Mein Roman verflicht zwei Schicksale miteinander: das Leben eines parteiergebenen Kirgisen mit dem Spitznamen »Mai-Kuckuck« und das Leben einer Kirgisin, die als Kind erlebt hatte, wie 600 ihrer Landsleute beim Versuch, beim Generalgouverneur vorstellig zu werden, getäuscht und abgeschlachtet wurden.

• Ist das historisch belegt?

Selbstverständlich. Aber über diese Vorgänge durfte nicht geschrieben werden, weil sie einen Schatten auf den »großen Bruder«, das russische Volk, warfen. — Mag sein, daß sich solche Lebenskonflikte des Autors auch in den ersten Erfahrungen des Helden der Erzählung »Der Zuzügler« spiegeln. Es sieht sogar so aus, als fände er an den Schicksalsprüfungen Vergnügen. Er bleibt nicht stehen, sondern stürzt sich am nächsten Morgen erneut in die fremde Welt… Asamat geht auf steinigem Weg vorwärts, »durch Leiden und Freuden«.

• Sie waren Konsultant für kirgisische Literatur in der Leitung des sowjetischen Schriftstellerverbandes. Was war dabei Ihre Aufgabe?

Das Amt eines solchen Konsultanten wurde in den 30er Jahren auf Initiative von Tichonow geschaffen und ist bis zum Ende der Sowjetunion beibehalten. Keine
andere Künstlervereinigung hat eine solche Einrichtung besessen — die Bildenden Künstler nicht, die Theaterleute nicht, weder die Journalisten noch die Architekten. Nur im Schriftstellerverband gab es aus jeder der fünfzehn Republiken einen Abgesandten, der die jeweilige Landessprache und die Kultur seines Landes kannte und ihre Interessen vertrat. Dank der Bemühungen der Konsultanten für ihre Kollegen zu Hause fanden begabte Autorinnen und Autoren aus den Unionsrepubliken Anerkennung in der ganzen Union.

• Sie blieben also auch in Moskau mit Kirgisien verbunden — gewissermaßen als Botschafter der kirgisischen Literatur?

Was meine Arbeit im Moskauer Schriftstellerverband betrifft, die Sie mit der Metapher Botschafter richtig charakterisieren, so war die kirgisische Literatur in all den Jahren meine Stütze — so wie in der Erzählung »Der Zuzügler« Asamat seinen Rückhalt an den vertrauten Wänden der Häuser findet. Aber ihre Texte in den ideologieverpflichteten Moskauer Presseorganen unterzubringen, war immer schwierig. Meist stießen gerade die bedeutendsten Werke auf Unverständnis.

• Aitmatow, obwohl auch von der Zensur mißtrauisch beobachtet, stieß aber gerade zu Hause auf Unverständnis.

Tschingis Aitmatow nimmt in der kirgisischen Literatur einen wichtigen Platz ein. Sein Weltruhm hängt nicht davon ab, wie sehr er in der Republik geschätzt wurde. Ja, gegen ihn richteten sich von Zeit zu Zeit kritische Pfeile. Aber Mißgünstlinge hat er stets weniger gehabt als Verehrer. Ich weiß zwar, daß die Wer-~ke des Schriftstellers nicht jedem zusagen. Das liegt aber wohl daran, daß es vielen schwerfällt, die Aitmatowsche Wirklichkeitssicht zu akzeptieren.

• Weil er in einem Land, wo bis vor kurzem noch Heldensagen lebendig waren, diese Wirklichkeit mit ihren Widersprüchen, also auch ihren negativen
Erscheinungen gestaltete — noch dazu früh zum Russischen übergehend?

Wie mir scheint, leben viele Kirgisen immer noch in jener Welt, in der der anerkannte Meister seine Helden findet. »Die Gegenwart ist eine mächtige Göttin«, hat Goethe gesagt. Vielfach werden erst künftige Leser Aitmatows Werke richtig rezipieren.

• Nun leben Sie wohl als Ausländer in Moskau?

Meine kirgisische Staatsbürgerschaft wurde mir streitig gemacht, als die Sowjetunion zerfallen war und Kirgisien souverän wurde: Ich betrat in Moskau die Botschaft Kirgisiens, um an der Wahl Akajews zum Präsidenten teilzunehmen, da wies man mich mit der Begründung ab mein Pass sei nicht kirgisisch.

• Die Bürokraten aller Länder sind einander ebenbürtig.

Dennoch stehe ich auch in meiner weiteren schriftstellerischen Arbeit an der Seite meiner Republik, die ihre Unabhängigkeit verteidigt. Der Roman, an dem ich gerade arbeite, soll die in ferner Vergangenheit liegenden historisch-ethnischen Wurzeln meines Volkes aufdecken.

Unsere »Sonntagsgeschichte« zum Wochenende »Der Zuzügler« von Mussa Muratalijew ist eine Erstveröffentlichung.

Neues Deutschland

Freitag, 17.Oktober 1997